
Klimaaktivist*innen hissen Banner über Fahrbahn der B27 - “Die Südstadt kann nicht 20 Jahre warten”
„Überwege jetzt statt Tunnel später“ ist am Morgen des 6.10. über der Fahrbahn der B27 zu lesen. Wer aus dem französischen Viertel in die Innenstadt zur Arbeit oder Schule pendelt, wartet meistens einige Minuten an einem der Übergänge der lärmenden Bundesstraße 27. Heute gab es dort gegen 07.30 Uhr, während der Grünphase der Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen einen Überraschungsmoment: Aus einem der Bäume heraus erschien über der Bundesstraße ein Banner mit der Aufschrift „Überwege jetzt statt Tunnel später“.
Dahinter stecken Aktivist*innen der „Unterstützer*innen des wissenschaftlichen Diensts des Bundestags“, die sich auf Basis von Verkehrsstudien zur Verkehrsentwicklung gegen den Straßenausbau unter anderem an der B27 einsetzen. Gegen den Schindhaubasistunnel kündigen sie weiteren Protest an.
Sofortmaßnahmen für die Südstadt und das französische Viertel
“Statt das Bedürfnis der Anwohner*innen des französischen Viertels und der Südstadt nach Lärmschutz und Verkehrsberuhigung ernst zu nehmen, werden sie seit Jahren mit den Plänen zum Tunnelbau hingehalten. Einfache und schnelle Maßnahmen sind hingegen Fehlanzeige”, beschwert sich Ronja May. Dass der Schindhaubasistunnel bald Abhilfe schafft, ist laut Regierungspräsident Klaus Tappeser sowieso nicht absehbar: “Ich rechne nicht damit, dass das erste Auto in den nächsten 20 Jahren dort hindurch fahren wird.”1
So lange kann die Südstadt nicht mehr warten, finden die Aktivist*innen. Gerade, da Konzepte wie eine Pförtnerampel (wie in Unterjesingen), Schallschutzwände, aber auch mehr Querungen und Brücken die Verkehrsituation sofort verbessern könnten. May betont: “20 Jahre- das ist so lange wie die gesamte Jugendzeit heute geborener Kinder. Da sollte es auch ganz unabhängig von einem Tunnelbau in der Planung keine Frage sein, ob wir sofortige Verbesserungen für die Südstadt jetzt umsetzen, statt unsere Zeit mit sinnlosem Warten zu verbringen.”
Kritik am Ausbau der B27
Die Gruppe der Unterstützer*innen des wissenschaftlichen Diensts des Bundestags hatte bereits dieses Frühjahr am Tübinger Regierungspräsidium für Aufsehen gesorgt. Im April hängten zwei Aktivistinnen ein 32m² großen Banner an der Fassade des Tübinger Regierungspräsidiums, das für die Genehmigung und Planung von Bundesstraßen in der Region zuständig ist. “Verkehrswende statt gelbe Auto(b/w)ahn” war darauf zu lesen. Danach hatten sich die Aktivist:innen mit dem Regierungspräsidenten Klaus Tappeser getroffen. “Dass das Regierungspräsidium inzwischen das Planfeststellungsverfahren eingeleitet hat, finden wir frech. Das zeigt, dass es ihnen egal ist, was die Zivilgesellschaft dazu denkt”, sagt Aktivistin Lena Mapler. Sie gibt zu Bedenken: „Jede Umgehungsstraße, jeder weitere autobahnähnliche Ausbau führt dazu, dass insgesamt mehr Autos fahren. Damit können wir das Problem von zu viel klimaschädlichem Individualverkehr nicht lösen.“ Die Verkehrswendeaktivist*innen berufen sich dabei auf eine Studie des wissenschaftlichen Diensts des Bundestags 2. Laut dieser führt mehr Platz auf den Straßen zu sogenanntem induzierten Verkehr, also zur Erhöhung der Gesamtzahl von Autos. „In Zeiten, in denen wir dringend die Verkehrswende hinkriegen müssen und unsere Brücken vor sich hin rotten, ist es ein schlechter Witz, noch mehr Verkehr zu produzieren“, so Mapler. May fügt hinzu: “Wir müssen an den Ursachen arbeiten und das ist nunmal die hohe Abhängigkeit vom Auto. Eine Stadt wie Tübingen, die bis 2030 klimaneutral sein möchte, kann doch nicht ernsthaft in genau demselben Jahr damit anfangen, viele Millionen Steuergelder in die Autoinfrastruktur zu stecken.”
Stattdessen fordern die Aktivistinnen, dass bundesweit alle Gelder, die in den Ausbau der Auto-Infrastruktur fließen, eingefroren werden und nur noch für klimafreundliche Projekte verwendet werden dürfen. “Auch mal abgesehen von den katastrophalen Klimafolgen des Straßenausbaus hat uns zuletzt die Carolabrücke deutlich gemacht, dass wir den klimaschädlichen Neubau sofort stoppen müssen, um klimafreundlich zu sanieren und umzugestalten”, erklärt Ronja May. 2024 sollen 12,8 Milliarden Euro in den Aus- und Neubau von Bundesfernstraßen gesteckt werden und insgesamt 850 zusätzliche Autobahnkilometer entstehen – für den Radverkehr gibt es indes nur eine Förderung in Höhe von 0,15 Milliarden Euro 3. Eine Spur der B27 könnte, finden die Aktivistinnen, als Zugstrecke umgebaut werden. “Diese Fläche ist bereits versiegelt und die Gäubahn braucht sowieso dringend einen Anschluss zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Es könnte eine alternative Streckenführung geben, die, statt über Böblingen, über Horb und Tübingen nach Stuttgart führt”, schlägt Lena Mapler vor. “Dann würde sich auch die Fahrtzeit von Tübingen nach Stuttgart verringern und die Strecke über Reutlingen wäre entlastet.”
Weitere Aktionen angekündigt
Die Aktivist*innen, welche sich auch nach der Kletteraktion im April mit dem Regierungspräsidenten Tappeser trafen, kündigen weitere Protestaktionen in Kürze an. “Solange der Ausbau der B27 und insbesondere der Schindhaubasistunnel, nicht klar und deutlich als klimaschädliches Quatschprojekt benannt wird und deshalb sogar sinnvolle Lärm- und Verkehrsberuhigungsmaßnahmen nicht umgesetzt werden, wird es weiterhin vielseitigen Protest von uns oder aber auch von Bündnissen wie etwa “Keine Dietwegtrasse” aus Reutlingen und dem Bündnis “Tübinger Tunnelstopp” geben.”
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https://www.tagblatt.de/Nachrichten/15000-Module-an-der-B27-Tuebingensgroesste-PV-Anlage-ist-bald-fertig-620428.html ↩︎
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https://www.bundestag.de/resource/blob/855100/a3a015f40fee3b8182c41bc48c362277/WD-5-044-21-pdf-data.pdf ↩︎
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https://www.vergabeblog.de/2024-01-24/bundeshaushalt-2024-deutlich-mehr-geld-fuer-die-bahn-vorgesehen/ ↩︎